Stühle im Schnee | Josefine Preuß, Alexander Sternberg, PeeWee Horris | moebel-insider.de

Stühle im Schnee | Achtung: Verstörend!

Viele haben es vielleicht an der bisherigen Filmauswahl gemerkt, ich tendiere eher zum klassischen, marktbeherrschenden US-amerikanischen Kino. Nichtsdestotrotz gibt es auch in Deutschland immer wieder beeindruckende Schauspieler und Filme, die es wert sind, eine größere Beachtung zu finden.
Josefine Preuß ist eine Schauspielerin, die ich unheimlich verehre, denn sie ist einfach … na ja, in Amerika würde man sagen: Fearless!

Keine Angst vor fordernden Rollen!

Josefine Preuß kennen wohl die meisten als emanzipiert-überforderte Lena Schneider aus der Kult-Sitcom Türkisch für Anfänger. Dass die Schauspielerin inzwischen auf eine beträchtliche Liste wirklich guter Rollen zurückblicken kann, ist Ihrer einnehmenden Art und Ihrer Vorliebe für fordernde Rollen zu verdanken.
Schon etwas in die Jahre gekommen ist dabei ein Kurzfilm, den sie an der Seite von Alexander Sternberg und unter der Regie von PeeWee Horris gedreht hatte. Stühle im Schnee stammt aus dem Jahre 2008 und zeigt Josefine in einer wirklich heftigen Rolle.
Sie spielt die 14jährige Klara, die von einem brutalen Kinderschänder entführt wurde und in einem Versteck in einer Kiste gehalten wird.

Der Stuhl als Zeichen für Zivilisation und Kontrolle

In diesem Film spielen Stühle als Leitmotiv eine wichtige Rolle. Zum einen ist Thomas, der Täter selbst Schreiner, zum anderen sind Stühle ja ein immanentes Symbol für zivilisiertes Auftreten. Werr auf einem Stühl sitzt, erhebt sich über den Schmutz des Bodens.
Das wird dann besonders deutlich, wenn man bedenkt, dass in vielen Kulturen das Sitzen auf einem Stuhl oder Thron, früher nur dem Herrscher vorbehalten war. Das gemeine Volk musste auf dem Boden hocken.

Insofern ist das Motiv wunderbar gewählt und zeugt von dem Versuch, in der unglaublichsten Situation, in einem Szenario des Kontrollverlusts eine gewisse Würde zu bewahren. Dass Klara dann den Stuhl des Peinigers zerbricht, zeigt dass von nun an die Welt nicht mehr so zivilisiert mit dem Täter umgehen würde.

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Eindringlich, verstörend.

Der Film ist nicht für zart besaitete Menschen gedacht. Er verstört und zeigt Josefine Preuß auf eine sehr intime und verletzliche Weise, die besonders mit der Lena Schneider aus Türkisch für Anfänger nicht viel gemein hat.
Dennoch halte ich den Kurzfilm von PeeWee Horris für gelungen, schafft er es doch, das schier unaussprechliche auf Leinwand zu bannen.

Abschließend noch einmal kurz zum titelgebenden Motiv der Stühle: Während in einigen Regionen der Erde das Sitzen auf Stühlen noch immer eher ungewöhnlich ist, ist für uns aus den westlichen Industrienationen ein Stuhl nichts besonderes mehr.
Wir sollten allerdings nicht vergessen, dass dieses Sinnbild für Zivilisation erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts neben Königen und Edelleuten auch Geistliche, Ritter und Kaufleute erreichte. Das Volk konnte sich so ein Möbel noch lange nicht leisten. Selbst im 19. Jahrhundert war es noch immer so, dass man in der Regel auf Bänken saß und nur der Haushaltsvorstand einen eigenen Stuhl hatte.
Hier sieht man mal wieder überdeutlich, dass die Institutionen der Zivilisation, wie wir sie kennen gar nicht so unumstößlich zu uns gehören, sondern oft eine überraschend junge Erfindung oder Entwicklung sind.
Dass man, wie bei Juno als Eröffnungsszene zu sehen ist, ein Sessel einfach entsorgt wird, ist also keine sehr alte Art, mit Sitzmöbeln umzugehen!
In diesem Sinne: Ich hoffe, Sie sitzen gut!

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